“Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus”, Teil 2

Martin Wehrle hat für den zweiten Teil seines Bestsellers viel Post erhalten – zu viel, möchte man meinen. Es sind die 1:1 wiedergegebenen Beispiele aus der Irrenhaus-Praxis, die einem am ehesten in Erinnerung bleiben. Sie denken, die Beispiele aus dem ersten Teil sind nicht mehr zu toppen? Dann bitte festhalten und weiterlesen!

Wehrle spart nicht an pikanten Details, was Firmen-Fettnäpfchen betrifft. Nicht alle davon wurden medial so breitgewalzt wie die Callgirls, die ein deutsches Unternehmen in eine Budapester Therme bestellte – und die abgestempelt wurden wie Vieh, wenn sie eine weitere Runde überstanden hatten.

Es gab ja dann auch hohe Tiere, die ihre Geliebte bezahlt bekommen haben – nicht bei irgendeiner Juxbude, sondern beim Automobilkonzern VW. Oder Verbriebsmitarbeiter, die per Bus ins brasilianische Bordell gekarrt wurden – ein Missverständnis, wie das Management mit Hinweis auf die “Firmenwerte” wortkarg erklärt.

Doch es gibt auch andere schlimme Seiten, etwa Blutabnahmen aller neuen Mitarbeiter – die allerdings “nicht verwendet werden”, wie das Unternehmen behauptet. Die Praxis des Blutabzapfens musste trotzdem eingestellt werden. Auch mit betrieblicher “Gesundheitsvorsorge” sollte man vorsichtig sein – wer die Pille über den Arbeitgeber bekommt und mal ein Monat vergisst, die Rechnung einzureichen, wird vorsichtshalber entlassen.

Ebenso schlimm sind “Big Brother”-artige Überwachungen aller Mitarbeiter, um die Anzahl der Klogänge zu messen. Oder Mobbing-Richtlinien, mit denen unliebsame Kollegen – “Motzbrüder” – in die Flucht geschlagen werden sollen. Sogar die Vortäuschung sexueller Belästigung ist gut und recht, wenn damit die richtigen Personen ausgeschaltet werden können!

“Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus” ist eine Leseempfehlung für alle, die einen flott geschriebenen, unterhaltsamen Beweis benötigen, dass es doch nicht so schlecht dort ist, wo sie gerade arbeiten. Martin Wehrles Beispiele zeigen: Es geht immer noch schlimmer. Und die Lernkurve geht in vielen Unternehmen gegen Null!

Über den Autor
Martin Wehrle war Führungskraft in einem Konzern, bevor er sich für eine Karriere als Coach entschied. Heute leitet er die Karriereberater-Akademie in Hamburg und ist in der Ausbildung tätig. Wehrle hat über ein Dutzend Bücher veröffentlicht.

Service
Martin Wehrle
“Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus. Neue Geschichten aus dem Büroalltag”
September 2012
Klappenbroschurausgabe
320 Seiten
ISBN 9783430201339
EUR 15,50

 

 

 

Spiegel-Artikel:
Warum muss ein Bewerber auf die Minute pünktlich sein? Damit ihn die Firma gebührend warten lassen kann! Etwa jedes dritte Vorstellungsgespräch beginnt verspätet. Und etwa jeder dritte Chef geht garantiert ohne Vorurteile ins Gespräch – weil ihm der Lebenslauf des Bewerbers so fremd ist wie die südliche Tundra. Deshalb sucht er intensiven Blickkontakt während des Gespräches: mit dem Lebenslauf vor ihm auf dem Tisch.

Aber wehe, der Bewerber hat sich nicht vorbereitet! Er muss die Geschichte der Firma mindestens so gut beherrschen, dass er die 350-seitige Firmenmonographie, ginge sie verloren, sofort im Wortlaut rekonstruieren könnte. Alle Umsatzzahlen der letzten fünf Jahre muss er wie im Schlaf aufsagen und die Namen der Firmenbosse wie die Thronfolge einer Monarchie runterrattern können.

Irrenhäuser lassen den Bewerber spüren, dass er etwas von ihnen will, sie aber nicht von ihm. Zum Beispiel bestätigen sie den Eingang einer Bewerbung frühestens dann, wenn das Dokument aufgrund seines Alters fürs Völkerkundemuseum interessant wird – gefühlte 150 Jahre später.

Oder gar nicht. Als Wissenschaftler der Universität Konstanz 528 fiktive Online-Bewerbungen verschickten, eine Hälfte unter deutschen Namen, eine Hälfte unter türkischen, war das Ergebnis erschütternd: 28 Unternehmen gaben den jungen Wirtschaftswissenschaftlern “Tobias Hartmann” und “Dennis Langer” eine positive Antwort – während sie “Fatih Yildiz” und “Serkan Sezer” nicht mal absagten. Die Chancen, den Job zu bekommen, lagen für Tobias und Dennis in kleinen Unternehmen um ein Viertel höher, insgesamt immer noch um 14 Prozent – bei exakt der gleichen Qualifikation. Die Treffsicherheit einer Personalauswahl, die den Namen zum Entscheidungskriterium erhebt, mag man sich eigentlich gar nicht vorstellen.

Die ideale Irrenhaus-Antwort verbindet Peitsche und Zuckerbrot. Die Firma bedankt sich bei dem Bewerber für sein Interesse. Und damit dieser Dank auch glaubwürdig rüberkommt, teilt sie ihm mit, dass er seine Anfahrtskosten zum Vorstellungsgespräch selbst tragen und bitteschön ein polizeiliches Führungszeugnis mitzubringen habe.

Immerhin sind die Irrenhäuser realistisch genug, die kriminelle Energie richtig zu verorten: Führungszeugnisse werden bevorzugt von Führungskräften gefordert. Sogar Privatermittler, darunter ehemalige Stasi-Leute, setzen die misstrauischen Firmen auf Bewerber an. Zur Not tritt der Ermittler in den Golfclub des angehenden Managers ein und löchert ihn unauffällig zwischen den Löchern. Das nennt sich “Executive Integrity Assessment”, was übersetzt so viel heißt wie: gehobene Schweinerei.

Doch Schweinereien kann auch die einfache Arbeiterin erleben, wie ausgerechnet eine norddeutsche Wurstfabrik bewies: Angeblich wurden Bewerberinnen von dem Betrieb, der 270 Millionen pro Jahr umsetzt, zum Schwangerschaftstest gebeten. Am Ende der Probezeit stand ein zweiter Test an. Wer schwanger war, flog raus. Das haben mehrere Frauen berichtet. Der Wurstfabrikant streitet den zweiten Test ab, der erste sei freiwillig gewesen, habe keinen Einfluss auf die Einstellung gehabt und sei mit Blick auf Kältearbeitsplätze angezeigt gewesen: Schwangere dürfen nicht in zu kalten Räumen arbeiten, das ist gesetzlich verboten.

Ruppig verlaufen können Vorstellungsgespräche auch sonst: Einige Irrenhaus-Direktoren glauben, eine unverschämte Frage sei keine Unverschämtheit mehr, wenn man sie zum Teil eines Stressinterviews erklärt. Zum Beispiel wurde eine Softwareentwicklerin gebeten: “Können Sie mal ausnahmsweise eine kluge Antwort geben?” Und von einem Versicherungsmathematiker wollte man wissen: “Warum hält Ihr jetziger Chef Sie für so unfähig, dass er Sie nicht befördert?”

Etliche Bewerber haben mir berichtet, dass sie in Konzernen mit amerikanischer Wurzel wie Zirkus-Äfflein von Büro zu Büro geschleppt wurden, damit sie jeder potentielle künftige Kollege ein paar Minuten beglotzen, befragen und mit offenem Feedback beleidigen durfte (“Einen Exzentriker wie Sie kann ich mir in unserem Team überhaupt nicht vorstellen!”). Solche Konfrontationen werden nur deshalb “Vorstellungsgespräche” genannt, damit Amnesty International nicht auf falsche Ideen kommt.

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie ein Bewerber die Fragen der Irrenhäuser im Vorstellungsgespräch beantworten kann: falsch oder falsch. Zum Beispiel hat sich eine Klientin von mir bei einem Reifenhersteller beworben. Das Gespräch war wie am Schnürchen gelaufen. Doch gegen Ende hob der Personaler noch mal zu einer Frage an: “Wäre es für Sie auch denkbar, eine andere Stelle im Marketing anzunehmen?” Meine Klientin bejahte. Die Gesprächsführer zuckten zusammen.

Lebensgefährlich für jeden Bewerber sind Fragen nach der Ex-Firma. Der erste Fehler wäre: von der Ex zu schwärmen. Das würde beim Irrenhaus-Direktor zu Eifersuchtsanfällen führen, gegen die ein Vulkanausbruch nur ein pfeifender Teekessel ist. Der zweite Fehler wäre: die alte Firma als wenig attraktiv darzustellen. Warum, in drei Teufels Namen, haben Sie sich dann mit ihr eingelassen? Weil Sie selbst mittelmäßig sind? Der dritte Fehler wäre: nichts oder sehr wenig zu sagen. Daraus würde natürlich geschlossen, dass Sie ein dunkles Geheimnis verschweigen. Haben Sie aus Ihrem letzten Vorgesetzten vielleicht einen Chefsalat gemacht?
Ein Bewerber, der oft gewechselt hat, gilt bei Irrenhäusern als sprunghaft. Ein Bewerber, der seiner Firma seit Jahrzehnten treu ist, gilt als unbeweglich. Ein Bewerber, der viel redet, gilt als vorlaut. Ein Bewerber, der wenig redet, gilt als verstockt. Ein Bewerber, der vorzüglich studiert hat, gilt als “Theoretiker”. Ein Bewerber, der nicht vorzüglich studiert hat, gilt als intellektuelle Nullnummer… Irrungen und Wirrungen.

Doch am Ende des Gespräches dürfen Sie sicher sein: Die Tundra ist bis auf den letzten Zentimeter vermessen. Denn nun hat der Irrenhaus-Direktor, statt Ihnen zuzuhören, endlich Ihren Lebenslauf durchgelesen.

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