Otti empfiehlt: Schluss mit dem ewigen Aufschieben

Hans-Werner Rückerts Selbstmanagement-Klassiker ist in einer erweiterten Ausgabe erschienen, die um wissenschaftliche Erkenntnisse aus Neuro- und Persönlichkeitspsychologie sowie Psychotherapie ergänzt wurde. Fundierte Analysen und sprechende Beispielsituationen sollen Lesern helfen, chronisches Aufschieben Schritt für Schritt zu überwinden.

Was ganz modern so schön als “Mañana”-Prinzip bezeichnet wird, ist für Betroffene nur vordergründig witzig. Wenn das Verschieben wichtiger Dinge von einem auf den nächsten Tag zwanghaft wird, zu hohen Folgekosten, versäumten Karrierechancen oder Beziehungsschwierigkeiten führt, hört sich der Spaß recht schnell auf.

Rückert verspricht zwar nicht, jeden Aufschieber kurieren zu können – schließlich kann es sich auch um eine Nebenerscheinung komplexerer Krankheitsbilder oder Persönlichkeitsstörungen handeln – er will mit seinem Standardwerk aber einsichtigen, ansonsten weitgehend zufriedenen Menschen helfen, das Heft wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Der erste – und wichtigste – Schritt besteht darin, sich selbst in seiner Imperfektion anzuerkennen und zu akzeptieren, dass es Probleme gibt. Erst dann kann man daran schreiten, die Situation schrittweise zu ändern – ob es um eine Änderung der Arbeitsweise geht, die Art der Selbstorganisation, Motivations- und Bestrafungsmechanismen oder einfach die Konzentration aufs Wesentliche.

Ausgiebig und teils sehr literarisch (vor allem Proust, Kafka und Musil haben es dem Autor angetan) analysiert Rückert die oft tiefsitzenden und diversen Ursachen für die sogenannte Prokastination, das zwanghafte Aufschieben. Diese können in der Kindheit liegen, in der Persönlichkeitsstruktur – oder aber auch durch die Situation bedingt werden, um nur einige Beispiele zu nennen.

Sehr interessant sind auch die negativen Gefühle, welche die Verarbeitung bzw. Verdrängung des Aufschiebens mit sich bringen – und sich häufig gegen einen selbst wendet oder auch als Vorwand benutzt wird, um Situationen zu vermeiden, vor denen man insgeheim Angst hat – etwa neue berufliche Herausforderungen, den Umzug in ein anderes Land usw.

Rückert hat natürlich Recht, dass es gerade heute keinen schlanken Fuß macht, als Verhinderer und Verschlepper zu geben. Selfmade men oder women, die alles in Rekordzeit auf die Beine stellen können, und dabei auch noch die perfekte Familie umsorgen, diesem Klischee hinterherzuhecheln kann jeden in die Aufschiebefalle führen.

Wer sich oder seine Probleme schon besser kennt, kann im Grunde auch beim dritten Teil einsteigen: Die sogenannte “BAR-Methode”, kurz für Bewusstheit, Aktionen und Rechenschaft, soll Betroffenen rasch ermöglichen, erste Verbesserungsschritte zu erzielen – oder zu erkennen, dass es ohne professionelle Hilfe nicht weitergeht.

Wer unter schnell gefassten Vorsätzen, die letztendlich fromme Wünsche bleiben, leidet, und den bitteren Nachgeschmack gescheiterter Pläne loswerden will, um wichtige Projekte und dringende Aufgaben anzugehen und ihre Selbstblockade zu überwinden, ist mit diesem Buch gut beraten. Ob man die ausschweifenden psychoanalytischen Analysen und literarischen Analogien detailliert mitverfolgt oder überspringt, bleibt ja jedem Leser selbst überlassen.

Über den Autor
Der Psychologe und Psychoanalytiker Hans-Werner Rückert leitet die Studien- und Psychologische Beratung der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Problematik des Aufschiebens und bietet neben dem Ratgeber auch praktische Seminare an.

Service
Hans-Werner Rückert
“Schluss mit dem ewigen Aufschieben. Wie Sie umsetzen, was Sie sich vornehmen”
Campus Verlag 2011
Kartonierte Ausgabe, 302 Seiten
ISBN 978-3-593-39351-3
EUR 19,50

Schreibe einen Kommentar